Berlin Fashion Week SS2027 – KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Bilder: Andreas Hofrichter
Text: Gerhard Paproth
Fruché ist nun das dritte afrikanische Label (Nigeria), das sich auf der Berliner Fashionweek positioniert. Außer den Nachhaltigkeitsansprüchen und Bezügen zu heimischen Handwerstraditionen verbindet die Drei aber wenig. Aus der häuslichen Tradition heraus ist der Selfmadegründer der Marke Fruché, Frank Aghuno, zur Mode gekommen. In dieser Kollektion sucht er nun mit leichten Verschiebungen der optischen Wahrnehmung Eigentliches zu betonen. Daher auch der Kollektionsname „Kleg“, der unter anderem auch für X-Beine und Unperfektes steht. Das Eigentliche meint das ursprüngliche, auch körperliche Selbstverständnis der afrikanischen Frau und Aghuno möchte es modisch wiederbeleben und in die Moderne einverleiben.
Die genannten Verschiebungen im optischen Sinne führt der erste Teil der Kollektion vor, was mit dem Karoprint (Gingham) besonders gut geht, da hier das geradlinige Ordnungsprinzip des Musters duch Schnitte, Layering und Drapierungen in gegenläufige Richtungen besonders gut in Bewegungen gebracht werden kann. Daraus entstehen zugleich abwechslungsreiche Silhouetten, alles gerät in Bewegung und in eine schwungvoll organisierte innere und äußere Lebendigkeit. Mit den parallelen Streifenmustern entsteht der gleiche Effekt, der durch helle Farbigkeiten aufgefrischt wird.
Abgeleitet sind die Drapierungen auch aus der afrikanischen Kleidungs-Historie, wo Stoffbahnen kunstvoll geschwungen den Körper bedecken oder teilbedecken.
Der zweite Teil der Kollektion lebt von groß aufgetragenen, figürlichen Applikationen, die auf Seide und Funtua-Baumwolle gemalt sind (Künstler: Fredrick Aghuno alias Dricky Stickman, Franks Bruder). Lebendige Kollektive von aufgemalten Gestalten in ruhenden oder verrenkten Haltungen breiten sich über Teile der Kleidung aus und geraten beim Tragen und Fortschreiten in tanzende und verwirrende Bewegung.
Aber wirklich aufregend wird das Konzept lebendiger Erscheinungsbilder dann im dritten Teil der Schau, die jetzt auch noch akustische Effekte in der Bewegung produziert. Nun spielen Materialien eine besondere Rolle, der Natur entommen, hauptsächlich Holz und Muscheln, erdige Naturfarben wie braun und Beige dominieren dem entsprechend. Ein skulptural geschnitzter weiblicher Holzpanzer ist einleitend das materielle Statement zum Thema Gestalt, die natürliche Unregelmäßigkeiten und Eigenheit des menschlichen Körpers widerspiegeln soll. Das wird danach zunehmend aufgelöst in lose, aneinandergereihte Bänder. Der laute Sound, den die als Ketten zu einem großen Gefüge gereihten Holz-Muscheln beim Gehen erzeugen, ist großartig. Daneben auch Kleider mit Bastapplikationen auf fester gewebtem (Aso Oke) oder dünnerem Textil, die selbst bei etwas strengeren Schnitten die Bewegung unterstreichen. Aber die Teile mit den Holz- und Muschelketten (Chimes) sind der Clou, der schon in der visuellen Konzeption ziemlich sexy daherkommt. Aufwändige Handarbeit und witzige Gestaltungslust prägen diese Outfits, und auch hier sind folkloristisch tradierte afrikanische Stilismen mit westlich-modernen Gestaltungsverfahren harmonisch und einfallsreich verbunden.
Das hebt die afrikanische Mode auf eine neue Ebene mit eigener Kulturidentität und inspiriert die europäische durch ein eigenes Körperbewusstsein im Bekleiden.



























