Berlin Fashion Week SS2027 – ICC Gelände
Bilder: Andreas Hofrichter
Text: Gerhard Paproth
Man kann schon sagen, dass der viel zitierte Berlin-Style sich wesentlich auf brutalistische Architektur und raue Subkultur bezieht. Und vielleicht auch, dass ihm innenwohnende Schönheit oder Erotik so kühl ist, wie sie in den 1980er Jahren mal propagiert wurde. Mit Unvain, dem 2020 von Robert Friedrichs gegründeten Label, hat eine Prägung dieser ästhetischen Philosophie die Berliner Bühne betreten, die die Berliner Charakter-Stereotype interpretiert.
Bezogen auf eine eigenständige Positionierung der Berliner Fashionweek im internationalen Kontext mit eigenen Modephilosophien gibt das eine überzeugende Antwort auf die grundsätzliche Standortfrage, deren Antwort immer Argumente ins Feld führen muss, warum Berlin eine Modestadt ist. Das wird in Städten wie zum Beispiel Paris auch respektiert, entsprechende Berliner Designer wie der dekonstruktivistische Lutz Huelle und andere finden auf den dortigen Schauenplänen durchaus einen Platz, wenn auch unter der Voraussetzung, dass eine gewisse Grundeleganz zu erkennen ist und eine stilistische Souveränität, einen Platz als subkulturelles Exotikum. Inwieweit damit Einflüsse auf den allgemeinen Modegeschmack lanciert werden, zum Beispiel in Paris, bliebe zu untersuchen.
Die Ingredienzen dieses Modestils sind bekannt, an erster Stelle Rauheit, bestenfalls mit erotischer Injektion, außerdem etwas düster, abgenutzt bis beschädigt, gelebt und vielleicht etwas schmutzig, irgendwo zwischen Entwurf und Fertigstellung einen eigenen Reiz entwickelnd und mit gegensätzlich aufeinander prallenden Stilmitteln. Das erlaubt eine recht breite Palette an Gestaltungsmöglichkeiten und Unvain gelingt es gut, kontroverse Erscheinungsbilder spannungsvoll auszureizen. Zerschlissene Jeans, abgeriebenes Leder, laberige T-Shirts, karierte Holzfällerhemden, raue Materialien einerseits, erotische Transparenzen und Aussparungen, schmeichelndes Fell und Federn, schimmernde oder feingliedrige Oberflächen und locker fallende Elemente im Gegensatz schaffen Spannung und überraschende Effekte. Auch kantige Architekturen werden geschmeidigen Silhouetten gegenüber gestellt, grobe versus feine und subtile Materialien und Strukturen. Und natürlich werden weibliche gegen männliche Konnotationen in den Outfits dialektisch zusammen gebracht. Sonnenbrillen schaffen die dazu gehörige Unterkühlung und Distanzierung zum Umfeld.
Unvain reizt diese Spannungsfelder gekonnt aus und gewinnt damit auch einen großen Fankreis. Mit seiner gelungenen Demonstration dieses Konzeptkosmos‘ ist sein zweiter Auftritt in Folge ein gelungener Beitrag zur ursprünglichen Selbstbestimmung der Eigenheit der Berliner Fashionweek.



























