Rebekka Ruétz – Petrichor

Rebekka Ruétz – Petrichor

Berlin Fashion Week SS2027 – Motorwerk Berlin

Text & Bilder: Boris Marberg für BFW

 

Ein heißer Sommer in Mitteleuropa. Wochenlange Trockenheit und ein Gewitter zieht auf – ob es sich wohl entlädt? Rebekka Ruétz greift dieses Thema und die emotionale Stimmung solch einer Gewitterentladung auf. „Petrichor“ – der Duft von Regen auf trockener Erde. Wer diesen Geruch und diese Stimmung kennt, ist im Sommer angekommen, und Hitze und Wallungen durchströmen Seele und Körper. Mit ihrer Kollektion greift die Österreicherin modisch dieses Wetterthema auf und setzt es spannend um.

Die immer wärmeren Sommer und Wetterextreme werden zwangsweise auch in der Bekleidungsindustrie thematisiert. Zahlreiche Studien legen dar, dass gerade wir hier in Europa wohl mit am stärksten vom Klimawandel betroffen sein werden. Im europäischen Modedesign, das traditionell stark von den vier ausgeprägten Jahreszeiten geprägt war, lässt sich diese Entwicklung besonders drastisch an der Sommerbekleidung ablesen. Angesichts von südeuropäischen Hitzewellen weit über 40 °C und gleichzeitig unvorhersehbaren Starkregenereignissen in Mitteleuropa durchläuft das Design eine funktionale und ästhetische Metamorphose. Designtheoretisch verändert sich die Silhouette der europäischen Sommermode grundlegend. Anstatt den Körper zu enthüllen, um Abkühlung zu schaffen, setzen immer mehr Designer auf „Schatten- und Lufträume“. Theoretisch verschiebt sich der Fokus der Mode damit weg von der reinen, flüchtigen Statusrepräsentation hin zu einer existenziellen Auseinandersetzung mit Anpassung, Vergänglichkeit und ökologischer Verantwortung. Teilaspekte dieser Entwicklung sieht man auch bei Ruétz, die beide Erscheinungsformen – das Enthüllen wie auch das Abblocken in ihrer neuen Kollektion gekonnt miteinander verbindet und eine entsprechend variantenreiche Palette von Silhouetten und Schichtungen an die Hand gibt.

Die Kollektion besticht durch ein konsequentes Spiel mit geometrischen Konturen, das sich vor allem in extremen Formen äußert. Dabei entsteht eine fast architektonische Mode, bei der wuchtige, tief angesetzte Schultern und kastige, kurz geschnittene Jacken im Kontrast zu stark taillierten, körperformenden, teilweise transparenten und enthüllenden Tops und Korsagen stehen. Diese skulpturale Optik gewinnt ihre Stabilität vor allem durch die Verwendung von veganem Lederersatz. Dieses feste Alternativmaterial besitzt eine beinahe unnachgiebige, matte Textur, die den Entwürfen eine klare, grafische Härte verleiht. Zudem sorgt das Schichten der Kleidung dafür, dass trotz der teilweisen wuchtigen Oberbekleidung immer wieder Haut sichtbar wird, was den Looks eine unerwartete Leichtigkeit und Dynamik verleiht. Ergänzt wird dieses Zusammenspiel durch den gezielten Einsatz von weichem Strick und strukturiertem Gewebe. Die Schichtungen der Kleider funktionieren hier wie ein gestalterischer Filter: Sie brechen die klobige Schärfe der Hauptteile und erzeugen eine fließende Bewegung, die den harten Kontrast zwischen massiver Verhüllung und sensibler Transparenz harmonisiert.

Farblich bleibt die Kollektion, bis auf zwei markante Brüche (Dunkelgrün und Erdrot), sehr eng in der Farbpalette gehalten – Schwarz, Weiß und Beige. Ergänzt wird sie durch organische Allover-Prints, deren Muster stark an Marmorierungen, flüssiges Gestein, abstrakte Landschaften oder Rorschach-Bilder erinnern.