Berlin Fashion Week ss2027 – Kurfürstenstraße
Tati, Anne Bernecker, Palmwine Icecream, Sofia Hermens Fernandez
Text und Bilder: Gerhard Paproth
Ein wenig Nostalgie, etwas Mädchenleben und Ruhe versus Action prägten die Präsentationen am dritten Tag von RAUM.Berlin. Neu auf der Bildfläche waren gleich drei der vier Design-Labels und, wie bereits hier gewohnt, die Bespielung des jeweils reservierten Raumes war sehr unterschiedlich geprägt. Und je nach scheinbarer Abgrenzung und Performance-Intention mischen sich die Besucher in die Installationen, oder hielten sich eher respektvoll an den Rändern des Raumes auf. Ersteres fand man bei Tatjana Haupts Label Tati vor, letzteres bei Kusi Kubis Palmwine Icecream und irgendwie hatte das auch mit der Qualtität der Exponate zu tun.
Das Menschengewusel bei der Tati-Installation mit diversen Aktivitäten und Handyshootern, Tänzerinnen und Demofiguren mittendrin, einem DJ-Desk mit Djane und Sängerin, versuchte etwas von Mädchen-Lifestyle zu erzeugen oder aufleben zu lassen – untereinander und mit Publikum kommunizierend im Sinne eines Communitygedankens. Diverse geliebte Beschäftigungen von Teenagerinnen tauchen auf und natürlich sieht man Herzchen und All You Need Is Love Embleme, die das Ambiente emotional aufladen. Entsprechend war auch der Focus der präsentierten Kleidung auf Teeniegeschmack gerichtet und die war als Strickwear gefertigt und mit diversen modischen Apercus ausgestattet. Zwangsläufig liegt dahinter als Leitidee die hingebungsvolle handwerkliche Beschäftigung, die hier quasi lifestylemäßig demonstriert wird.
Eine Stunde Mädchen-gute-Laune mit fast allem, was dazu gehört – in einer Installation, die dabei mutig in die Vollen ging.
Tati:








Ganz im Gegensatz dazu erschien die Präsentation von Palmwine Icecream. Mit der etwas uninspirierten Präsentation gelang die intensive Dichte der afrikanischen Atmosphäre eher nicht, die herumstehenden Gestalten im großen Raum konnten die wunderbare Wärme, die dem Design innewohnt und wie sie auf den Schauen der letzten beiden Saisons erlebbar wurde, hier nicht erzeugen. Natürlich war auch hier die Kleidung von edlem Geschmack und hochwertiger Verarbeitung gekennzeichnet, aber schon die spärliche Auswahl war nicht wirklich spannend. Mit ein paar zusätzlich verstreuten Objekten, Äste, Steine, Sträuße, wurde das Arrangement auch nicht dichter, das Gesamtbild blieb trotzdem etwas verloren. Selbst die gelegentliche Bewegung einer Figur im Raum oder ein Lächeln eines Models löste die fast nüchterne Stille kaum.
Palmwine Icecream:





Ebenfalls auf eine eher ruhige Präsentation mit Figuren und Models gemischt setzte Anne Bernecker. Ihr Atelier verfolgt eine Kombination aus Wiederverwertung, Handarbeit und ästhetischer Nostalgie. Diese Kombination fand man auf der Fashionweek auch bei anderen Labels (z.B. Buzigahill) und man kann das, nach einer langen Periode experimenteller Individualisierung und schräger Konzepte, als Hoffnungsschimmer ansehen. Gleichwohl sind die Outfits in Sachen souveräner Geschmack noch ausbaufähig und die Idee, dass handwerklich hübsch und liebevoll gefertigte Elemente nur appliziert werden brauchen oder stilistische Kontrastierungen angenehm verlebendigen, ist für ein elegantes Gesamterscheinungsbild noch nicht ganz überzeugend. Auch hier führt die Lust am handwerklichen Tun noch nicht zwangsläufig zu einem edlen Erscheinungsbild. Aber der ideelle Ansatz hat wohltuende Wirkung und die Art der Vorführung entspricht dem.
Anne Bernecker:






Sofia Hermens Fernandez hat ihre Kollektion wie ein Tableau auf dem Boden ausgelegt, auf einer langen Bahn, wo auch ein Model sich „bekleidend“ dazulegt. Am Ende ein Spiegel und daneben ein Stuhl mit flüchtig übergeworfenem Kleid. Wir kennen die junge Designerin als Finalistin des 40. Festivals in Hyères mit ihrer Kollektion Semiotics of Girlhood, wo sie Eleganz mit romantischer Verspieltheit verbindet. Sie hat in Antwerpen Fine Arts studiert und kandidiert am Institut Francais de la Mode an der Sorbonne als Doctor of Philosophy. Auch sie beschäftigt sich mit der Ästhetik von Mädchen-Bildern, entwickelt aber diese Ansätze weiterführend auf recht hohem Niveau. Und auch in ihrer Installation geht es um Mädchengefühle, allerdings nicht als Teil einer Community oder eines Lifestyles, sondern in der eher introvertierten Beschäftigung mit sich selbst, bei der Kleidung einen Ausdruck der Selbstsuche und -findung repräsentiert. Nunmehr aus Sicht einer erwachsenen Designerin in subtiler Reflexion.
Sofia Hermens Fernandez:


