RAUM.Berlin – 1. Tag

RAUM.Berlin – 1. Tag

Berlin Fashion Week ss2027 – Kurfürstenstraße

Elodie Carstensen, Lennart Bohle, PLNGNS, N. v. Hirschhausen

Text und Bilder: Gerhard Paproth

 

Eine dritte Version der Vorstellung einer Kollektion, neben dem Catwalk und der statischen Präsentation, ist die installative Performance. An vier Tagen stellen je vier Designer ihre Arbeit in diesem Format vor, eines, das viel Freiräume kreativen Auftritts ermöglicht. Besonders sinnvoll daran ist, dass man – wie auch in der Werbung – Umgebung, Situatives und eine Lifestylevorstellung seinen Kreationen zuordnen kann und dass man hier auch eine Stufe von Bewegung und Betrachtungsruhe im Ambiente wählen kann.

Für das Publikum bedeutet die offene Kreativität in diesem Format allerdings auch eine Verpflichtung dazu, was voraussetzt, dass die Designerin überhaupt auch eine überzeugende Lifestylevorstellung (oder eine Ideologie) mit ihren Produktionen verbindet, und das ist eben nicht so selbstverständlich. Und bei der Entscheidung für eine Variante ist auch schnell klar, dass Lebendigkeit stets ein Mittel ist, Publikum anzuziehen. Die vier Präsentationen waren in einem fixierten Rundgang aneinander gereiht, und mit der lebendigen Performance von Elodie Carstensen als erste Station staute sich hier schnell das Publikum und versperrte den weiteren Weg – schon beim ersten Presserundgang mit etwa 150 Teilnehmern.

In einem rechteckigen, langgestreckten Wasserbassin, zentimeterhoch gefüllt, führten acht weibliche Modelle eine ruhig gehaltene Tanzperformance auf, wobei sie mit ihren weißen, vorwiegend sommerlich-locker gestalteten Kleider sich in unterschiedlichen Konstellationen verteilten oder gruppierten, gekonnt chreografiert und mit viel weiblichem Charme. Der interdisziplinäre Ansatz korrespondiert auch mit Carstensens Hintergrund, denn sie begann 2012 im Theater zu arbeiten, bevor sie Modedesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee studierte und dort 2021 abschloss. Ihre Modearbeit verbindet sie mit diversen Erinnerungen an ihre Kindheit beziehungsweise einem emotionalen Bezug dazu, der dann, in Abstraktionen wie hier, zu recht poetischen Erscheinungsbildern führt. Zugleich aber will Carstensen auch auf traumatische Erinnerungen anspielen, wie der Titel einer vorangegangenen Performance, „Absence of Promised Safety“, auch deutlich machte.

Elodie Carstensen:

 

Lennart Bohle ist ein Modedesigner aus Pforzheim. Für den gelernten Schneider spielt traditionelle Handwerkskunst eine wesentliche Rolle, gestalterisch liebt er skulpturale Silhouetten und digitale Experimente. Er sucht Verbindung von Tradition und Zukunftstechnik. Die Innovation implementiert er in in ein künstlerisches Gestaltungsverständnis und darum ist ein Lifestyleambiente für die Präsentation nicht so naheliegend, sondern eher eine Exponat-Besichtigung wie in einer Galerie oder klassischen Ausstellung, bei der man die skulpturale Kunst von nah oder fern, (fast) rundum begehen und betrachten kann und sich die Addition zu einem Prospekt fügt.

Lennart Bohle:

 

Das Label PLNGNS erschien im August 2021, seit 2024 berichten wir von ihm. Im Zentrum stand da die Demonstration, wie man aus Teilen alter Schuhe fast ohne CO2-Fußabdruck neue Schuhe herstellen kann, mehr noch: ganze Kleidungsstücke mit attraktivem Erscheinungsbild. „Alte Turnschuhe müssen nicht als Müll verbrannt werden. Wir zeigen, dass es einen anderen Ausweg gibt“, sagt Mitya Hontarenko, Gründerin von PLN-GNS. „Und es kann auch stylisch und cool sein“. Mittlerweile hat PLNGNS die gestalterische Palette vergrößert, ohne Einschränkungen bei der ambitionierten Nachhaltigkeit zu machen. Die Turnschuhverwandlung als Nachhaltigkeitsprodukt mündet nun in vielseitigen stylischen Angeboten und Sommerfreizeit als assoziiertes Ambiente repräsentiert das als Beispiel für lebensnahe, launige Alltagsästhetik.

PLNGNS:

 

Natascha von Hirschhausen ist seit langem schon mit eigenem Label aktiv und verfolgt konsequent die Idee von Nachhaltigkeit mit dem „no waste“-Prinzip: alle Schnitte sind so angelegt, dass vom Stoff möglichst nichts übrig bleibt und selbst Reste noch geschickt in die Gestaltung eingebaut werden. Handwerklich erfordert das einige Pfiffigkeit und auch eine gewisse Flexibilität im künstlerischen Gestaltungsprozess. Dabei geht sie von eher schlichten, klaren und beherrschbaren Ausgangsentwürfen aus, was auch ihre stilistische Prägung erkennbar macht. In ihrer Installation läßt sie handwerkliche Arbeit ihres Ateliers sichtbar werden, indem Mitarbeiter probieren und experimentell Entstehungsprozesse miterlebbar machen.

Natascha von Hirschhausen: