ioannes – Apokalypsis

ioannes – Apokalypsis

Berlin Fashion Week AW2026 – Sophiensæle

Bilder: Andreas Hofrichter

Text: Gerhard Paproth

 

Nach dem fulminanten Erstauftritt in der vergangenen Saison konnte man sicher sein, dass der Designer Boehl Cronau auch jetzt eine denkwürdige Fashionshow veranstalten würde. Diese Erwartung hat er auch in ungewöhnlicher Weise eingelöst; für die neue Kollektion  hat er nämlich nicht nach atemberaubenden Effekten gesucht, sondern sich auf das Schlichte für den Alltag konzentriert, mit dem Ziel, dafür eine zeitlose Eleganz wiederzufinden, die als Leitlinie des Schaffens eine Garantie für höchste Ansprüche jenseits des Spektakulären verläßlich ist. Die Schau von ioannes am ersten Tag legte die Messlatte – zumindest in dieser Hinsicht – für alle folgenden hoch, und das auf gewissermassen leise Art.

Johannes Boehl Cronau hatte angekündigt, dass dies seine letzte Schau sei, zumindestens in einem solchen Format. Nach der letzten Saison in Paris mit Schauen im Palais de Tokio und den Galeries Lafayette Anticipations kam er zu dem Schluß, den modischen Wandlungserscheinungen den Rücken zu kehren und sich nun auf die Klassiker und Werte zu besinnen, die seine Leitphilosophie des Entwerfens ausmachen: eine Haltung und eine ästhetische Sprache. Nicht als Wiederholung sondern als Konzentrat, als Bekleidungsfreude und nicht als spektakulären Effekt. Dazu gehören eine Reihe persönlicher und geistiger, modischer Archetypen aus seinem Gedächtnis. Das sind zum Beispiel Schneiderstücke aus den 90er Jahren, wie Jil Sanders Büroanzüge, verbunden mit dunklem Lippenstift und spitzen Absätzen. Und auch das, was man als „transitional Dress“ bezeichnet, also die Kombination von Be- und Entkleidung im selben Teil.

Für eine bewußt „letzte Schau“ ist das schon eine Herausforderung an sich selbst, aber auch an das Publikum, das ja stets neue Trends und Ideen erwartet. Klassische Strickjäckchen und schlicht gehaltene Businessanzüge liegen da nicht im Erwartungshorizont, die zugrundeliegende Eleganz in diesem Fall schon – und die wird hier selbstverständlich auch bedient. Und sie ist es, wenn wir hier von einer qualitativen Messlatte spekulieren. Ob die Rückschau, Rückbesinnung, der Rückzug auf Klassisches und sogar Konventionelles ein Zeichen setzen wird, das Folgen hat, darf man dagegen bezweifeln. Letztlich demonstriert das ja auch ein Stück Konservativismus im Modebereich und ob der bei gleichzeitiger Beschleunigung subversiver Innovation und anderer Interessen (genauso wie in der Gesellschaft allgemein) ein anzustrebendes Ziel ist, muss sich jeder selbst beantworten. Vielleicht betrifft das sogar auch den Wert von Eleganz an sich, den die Entwicklung ja auch schon mehr oder weniger dahingerafft hat.

Den Titel der Kollektion „Apokalypse“ will Boehl Cronau nicht als Untergang verstanden wissen, sondern als Offenbarung. Mit der Suche nach den zugrunde liegenden Werten dieser Kollektion geht es ihm allerdings in erster Linie um eine gestalterische Selbstfindung und in diesem Sinne weniger um eine Proklamation eines Trends. Es klingt geradezu wie der Versuch, ein eigenes Geschmackstestament zu schreiben.
Sehr schön war die Schau allerdings wirklich und der demonstrative Ruf nach mehr Eleganz ist eigentlich ja auch berechtigt.