Haderlump Atelier Berlin – Atrium

Haderlump Atelier Berlin – Atrium

Berlin Fashion Week SS2027 – Hotel Adlon Kempinski Palais

Bilder: Andreas Hofrichter

Text: Gerhard Paproth

 

Der Name der Kollektion verweist auf den zentralen Hof des antiken römischen Hauses, der Licht und Regenwasser in den Kern des Gebäudes bringt. Aber konkreter bezieht sie sich auf das Hotel, einerseits auf die dafür typische Location der Schau, andererseits auf Johann Ehrhardts Lebensabschnitt als Kellner im Park Inn – mit den Uniformen und den Arbeitsabläufen. Die Kollektion will, ganz Berlinerisch, auch ein soziales Statement mitliefern.

Entsprechend umfasst sie verschiedene Arbeitspositionen (Concierge, Page etc.) und typische Gestalten im Hotelgetriebe – konkreter gesagt  verweist sie auf entsprechende Uniformen beziehungsweise Arbeitskleidungen und auf vom Status inspirierte Outfits. Sowie auch auf Gästetypen, allerdings eher angelehnt an die 1930er Jahre als an die Gegenwart. 28 Protagonisten wurden gezeigt. Der Ort im Hotel war allerdings nicht das Atrium oder der Garten des Adlon, sondern der prächtige Festsaal, mit Ausblick aufs Brandenburger Tor.

Gefühlsmäßig soll der Charakter der Kleidung eine stille Entfremdung von Menschen spiegeln, deren Wege sich täglich oder zufällig  kreuzen, ohne sich jemals konkret zu treffen. Entsprechend bleibt lebhafte Farbigkeit, die wir ja auch mit Hotelbetriebsamkeit assoziieren, außen vor, Grautöne beherrschen das Gesamtbild und die übliche Geradlinigkeit von Uniformen und von Gesellschaftskleidung wird gebrochen durch schräge oder kurvige, assymetrische Schnitte, die, wie bei Haderlump üblich, dem Prinzip der Dekonstruktion folgen und gleichzeitig eine gewisse Strenge oder Ernsthaftigkeit ausdrücken. Die Linienführungen werden mit verschiedenen Mitteln akzentuiert, besonders auffällig mit Knopfreihen, mit und ohne Funktion, die auch bei Uniformen eine große Rolle spielen, sich hier aber neu verselbständigen. Das Übereinanderschlagen von Abschnitten der Kleidung, ein Prinzip des Dekonstruktivismus in der Mode, suggeriert auch stark ihren Verpackungscharakter, Gesamtverhüllung vom Kragen bis zum Hosensaum dominiert die Erscheinungsbilder.

Häufigstes Accessoire ist ein Schlüssel, irgendwo appliziert und sicherlich als symbolischer Verweis auf Statusfunktionen gemeint, außerdem gehören schmale, manchmal lose Gürtel, aus den Fugen geratene Stiefel und diverse Handtaschen als „Handgepäck“ dazu. Die verwendeten Textilien wirken nicht selten eher rau und fest als geschmeidig und die bei Haderlump üblichen ästhetischen Bezüge zur „Fashion-Moderne“, also ihre aktuellen Standards, werden auch über diese Kollektion hinweg durchdekliniert.

Insgesamt ist die Herangehensweise mit sozialkritischer Implikation, mit dem Verfahren der Dekonstruktion, der inhaltlichen Aufladung und insbesondere einer gewissen Grundtristesse mit derben Zügen eine deutliche Positionierung als Berliner Label. Sie folgt einer eigenen Modetradition der letzten zwanzig Jahre in dieser Stadt und sichert sich die Stellung des gewissermassen Repräsentativen dieser Bewegung. Auch die Weiterentwicklung im Sinne einer durchschimmernden Eleganz, die diese Kollektion erkennen läßt, folgt strikt der konzeptuell gesetzten Linie. Die, das muss man allerdings auch feststellen, sich nicht mehr zwingend auf Clubkultur und symbolisches Berghain stützt, sondern nunmehr eine davon unabhängige Szenerie im Auge hat. So gesehen ist Haderlump vielleicht auch Berliner Avantgarde. Und insoweit die Berliner Fashionweek einen eigenen Nimbus in der internationalen Mode beansprucht, hat sie mit Haderlump quasi ihren stiltypischen Repräsentanten, der stets The State of the Art vorführt.

 

*