Berlin Fashion Week ss2027 – Kurfürstenstraße
Naomi Tarazi, Krobos, Panos Gotsis, Inlé Studio
Text und Bilder: Gerhard Paproth
Am vierten Tag der Fashionweek und auch des RAUM.Berlin zeichnen sich Trends zur nächsten Sommersaison ab: Transparenz ist angesagt und auch eine reduzierte Farbpalette – viel Schwarz und Weiß, zumindestens monochrome Ausführungen. Zur Transparenz gehören dann auch diverse Varianten von Spitze, oft eher grob als fein, was gelegentlich, zum Beispiel bei Strickwear, etwas hölzern daher kommen kann. Die geschmackvolle und gleichzeitig sinnliche Lösung, was Frau darunter tragen sollte oder nicht, lassen die Vorführungen entsprechender Outfits meistens offen, manchmal wird mit mehreren Lagen ein opaker Bereich geschaffen, bei den Präsentationen in RAUM.Berlin sind eher mutige Versionen zu sehen, was aber nicht zwangsläufig die Praxis bestimmen wird. Erfahrungsgemäß kann da nämlich mit zurücknehmenden Entscheidungen die gemeinte Sinnlichkeit ins Gegenteil umschlagen.
Die Installationen beziehungsweise Performances waren am letzten Tag sehr ruhig gehalten, annähernd statisch und zum Teil auch nur eine arrangierte Exponatansammlung, mit lebenden Modellen und nüchternen Figuren. Die Idee, situativ ein Dinner zu arrangieren, vielleicht auch nur zu dritt, immer aber nur unter Damen, wiederholte sich nun mehrfach und scheint für eine Live-Installation wohl nahe zu liegen. Am Tisch die hedonistisch Lebenden, darum herum die Kleidung vorführenden Puppen. Nun ja, das ist ja immer auch schön, besonders wenn elegante und zugleich verführerische Kleidung das Ambiente bestimmt. Und manchmal ist dabei die Assoziation des Betrachters mit dem letzten Abendmahl in der dekadenten Moderne nahe liegend – eher noch als die vielleicht gemeinte Hochzeitstafel. Bei Naomi Tarazi geht das einem jedenfalls so.
In ihrem Berliner Atelier fertigt sie vorwiegend skulpturale und zugleich sehr sinnliche Kleidungsstücke für Damen, mit viel Transparenz, subtiler Farbigkeit und stets mit dekorativenen Schwüngen an den Abschlüssen. Damit sind die Silhouetten als leicht, schwungvoll und auch mit zarter Auflösung gezeichnet. Mit diesen leicht beschwingten Outfits sucht die Designerin eine Position zwischen Nachtleben und elegantem Tagesauftritt zu umreißen, die dafür eine wunderbare und prägnante Sinnlichkeit propagiert. Wenn es dann auch so getragen wird.
Naomi Tarazi:





Ursprünglich hat Lukas Krob wohl mit der Konzeption von Kleidung angefangen, die er selbst gerne dauerhaft tragen würde, so verrät seine Webseite, und da er als ausgebildeter Modedesigner selbst näht, entstanden praktische und sehr haltbare Kleidungsstücke. Hier bei RAUM.Berlin stellt er nun eine Damenkollektion vor, die von geometrischer Ästhetik mit dynamischen Formen geprägt ist, vorwiegend schlicht und schwarz, was in dem hellen Whiteroom und dem Gegenlicht gelungen scharfe Akzente setzt und die Flächigkeit der Silhouetten herausstellt. Die dynamischen Schrägen und leichte Rundungen verhindern die plumpe Kompaktheit von geometrischen Architekturen, besonders von Rechtecken, im Gegenteil, mit einfachen Mitteln erzielt das Design eine schlichte und bestimmte Formeleganz, die gelegentlich auch mit Transparenzen luftig daherkommt. Dazu öfter die hohen, offenen Kragen, die die Silhouette nach oben wirkungsvoll ergänzen.
Explizit nennt Lukas Krob die gleichzeitig klaren, strengen und dennoch sinnlichen Architekturideale von Peter Zumthor als vorbildlich und das findet man hier gut wieder. Auch der Start der Entwürfe vollzieht sich, trotz flächiger Geometrien, mit subtilen Handzeichnungen und nicht am Computer, das verhindert eine völlige Versachlichung der Wahrnehmungsempfindung, auch beim Layering.
Das Arrangement im hellen Gegenlicht ist hier ein wirkungsvolles Mittel, das Wesentliche dieses Kollektions-Designs herauszustellen.
Krobos:




Die Schau von Panos Gotsis stellt eine aktuelle Kollektion zusammen, die vorwiegend in Zweiergrüppchen mit Figuren gleichmäßig im Raum verteilt sind, zwischen denen auch lebendige Modelle sich aufhalten. Als Präsentationsformat ist das eher etwas uninspiriert, so soll die Gestaltung jeweils auf sich selbst verweisen. Die sucht, wie stets bei seinen Kreationen, eine Synthese zwischen Fashion und Folklore auf eine eher schlichte und prägnante Weise, die aber doch verschiedene handwerkliche und auch grundsätzliche Erscheinungsbilder vorführt. Hell und sommerlich locker ist das vorwiegend gehalten, mit gleichzeitig eher konventionellen Schnitten und Silhouetten. Allgemeine Trends wie kurze Hosen, verkürzte Hosenlängen überhaupt, locker fallende Blusen und Jacken ohne schnitttechnische Eigenheiten, Verwendung von Spitze als ganzes Kleidungsstück oder appliziert, werden berücksichtigt und stellen so die Outfits in die Gegenwart. Mit der hochwertigen handwerklichen Verarbeitung und unter der Fahne der Nachhaltigkeit rückt sich das Label in das gehobene Segment der Luxusfashion, ohne eine bemerkenswerte oder gar exentrische Idee zu riskieren. Insgesamt entsteht damit der Eindruck einer eher konservativen Positionierung, die dank des leichten Touches von Lässigkeit und zeitgenössischer Üblichkeiten eine aktuelle und gleichzeitig konservative Perspektive auf aufgefrischte Modefolklore besetzt.
Panos Gotsis:




Die Berliner Modedesignerin und Spitzenklöpplerin Melanie Parzenczewski hat das Inlé-Studio gegründet, mit dem Anliegen klassisches beziehungsweise historisches Mode-Kunsthandwerk in eine moderne Gegenwartsästhetik zu überführen, in der sich auch historische Schnitte und Silhouetten angedeutet wiederfinden. Dabei findet man verschiedene Varianten von Retro (19.Jh., 1920er Jahre) bis zu moderner Abstraktion mit angesagten Lose-Bänder-Outfits, wobei Transparenzen (Spitze) stets eine entscheidende Rolle spielen. Auf den Ausstellungsfiguren teilt sich aber die Sexyness des Konzeptes nur wenig mit, insofern wird die Ergänzung der statischen Installation mit drei attraktiven, lebenden Modellen schon überzeugender. Die sitzen, wie ganz oben schon berichtet, wieder an einem gedeckten Tisch, in eher lässigen Posen und führen vor, wie das Modekonzept im Leben vorstellbar ist. Diese Miniperformance, quasi ein werbender Lifestylevorschlag, ist eine geschickte Brücke zwischen Laufsteg und starrer Installation.
Inlé Studio:




