Marina Hoermanseder: Kreative Erweiterung der Möglichkeiten

Hoermanseder Schau Fashionweek AW2017 im Kaiserlichen Telegraphenamt

Text: Gerhard Paproth

Bilder: Boris Marberg und Gerhard Paproth

 

Frühe Hypes führen ja selten zu einer dauerhaften Position. Bei Marina Hoermanseder läuft das aber wohl eher anders. Sie hat den frühen Hype nicht gesucht (sondern bekommen) und baut sich ihre erfolgreiche Position gewissenhaft und fleißig aus, sieht sich selbst noch im Werden und arbeitet zielsicher solide und zugleich attraktive Ergebnisse heraus. Das gelingt ihr sehr gut, die Erweiterung der Mittel – Materialien, Schnitte, Farben etc. – betreibt sie dafür kontinuierlich und es gelingt ihr traumwandlerisch sicher, die Balance zwischen Experiment und (verkaufbarer) Konvention auszuloten. Das tut sie mit einer Professionalität, die das Lebendige zu bewahren weiß und das Experiment nicht scheut (so auch die Konzepte ihrer Schauen).

Sehr bewusst übernimmt Marina Hoermanseder gelungene, erfolgreiche und wieder erkennbare Elemente vergangener Entwürfe in aktuelle Kollektionen, das sind besonders die Riemen und Schnallen, ihr Signet und natürlich auch die festen Corsagen und Röcke. Spielerisch und geschickt findet sie mit diesen Mitteln und Elementen stets neue Anwendungen, ein gutes Beispiel dafür sind die Wolfordstrümpfe.

Treu bleibt sie auch bestimmten Leidenschaften, zum Beispiel die stets auftauchenden hohen, kurzen Röcke (jetzt durch rasante Stiefel ergänzt), geblieben sind die materialmäßig festen Anteile und die Mixe von zart und hart. Dabei bleibt es aber nicht, Neues kommt stets dazu – experimentiert wird nun auch mit Spitze und Transparenzen, Rüschen und entschiedeneren Farbgebungen. Und in der Kontrastierung der Gestaltungsmittel gelangt die Designerin ebenfalls zu ungewöhnlichen, meist aber überzeugenden Kombinationen: Ledervergurtung zu Rüschen, zarte Spitze mit harten Lederkorsagen dazu. Auf den ersten Blick erscheint das Widersprüchliche auffällig, auf den zweiten geht es aber doch gut zusammen.

Glücklicherweise gibt Marina Hoermanseder den Touch des Verruchten nicht auf und macht ihn dennoch allgemein tragbar. Und ihre romantische Seite bekommt auch stets Raum.

Vermutlich spiegelt Marina Hoermanseder mit diesem Konzept auch die verschiedenen Dispositionen der vielschichtigen modernen Frau – von Romantik bis hin zu Toughness, von konventioneller Bedeckung bis zu erotischer Offensive. Ihre Mode enthält nicht nur das gestalterische Nebeneinander der Facetten, sondern es gelingt ihr sogar die kohärente Kombination derselben.

Jenseits der spektakulären Aspekte ist also der Hype auch darin begründet, dass viele moderne Frauen sich in einem solchen Gestaltungskonzept wiederfinden können. Das betrifft auch die Künstlerin selbst: die Identifikation mit der eigenen Gestaltung zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Marina Hoermanseder eine der wirklich wenigen Modegestalterinnen ist, die selbstverständlich die eigenen Sachen trägt, nicht nur anlässlich der repräsentativen Auftritte, sondern auch im Alltag. Und an ihr, das muss man hinzufügen, ist zum Beispiel die raffinierte, schwarze Riemencorsage nicht minder aufregend als am Laufstegmodell. Und sie ist, wie bereits oben angedeutet, nicht unbedingt eine abgedrehte, exaltierte Künstlergestalt.

Mehr Hoermanseder in den Alltag!

 

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