Atelierbesuch bei Marina Hoermanseder

Atelierbesuch bei Marina Hoermanseder

Text: Gerhard Paproth

Bilder: Marcello Rubini

 

Es ist nicht nur der schöne Sommerspätnachmittag mit dem wunderbaren Sonnenlicht in der Werkstatt, der den privilegierten Besucher betört: Ein Besuch im Atelier von Marina Hoermanseder, der charmanten Newcomerin der Berliner Modeszene aus Österreich, ist sowieso etwas sehr Besonderes.

 

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Hier geht es weniger um Stoffe und subtile Modetrends, sondern um Leder und Extravaganz und um Handwerkskunst. Leder ist hier das zentrale Material, duftend, fest, formbar, vielfarbig, mit einer ganz eigenen Haptik und ziemlich komplizierter Verarbeitungstechnik, die viel Know-How, Gespür und Erfahrung voraussetzt.
Klassische Lederjacken oder –hosen, die wie Stoff behandelt werden, sind kein Thema.

 

Seit einem Jahr nun ist die junge Esmod-Absolventin im Gespräch, in der Szene der exzentrischen Stars ist sie mittlerweile ein lauter Geheimtipp und auf der letzten Fashionweek wurden ihre innovativen Stücke als Entdeckung gefeiert. Jetzt bei der zweiten Schau wird sich zeigen, wie innovativ, entwicklungsfähig und solide der Gestaltungsansatz sein wird. Aber nicht nur dort: Marina Hoermanseder wird auch auf der Premium vertreten sein und kann nun auch dem kommerzielleren Bedarf mit Accessoires und tragbareren Alltagsstücken etwas Interessantes anbieten. Handtaschen, breite Gürtel, Caps (Streetware) ergänzen die Leitidee gürtender und geformter Lederobjekte, die in Kleinserie in einer spanischen Produktionswerkstatt hergestellt werden.

 

Wie bei fast jeder Designwerkstatt kurz vor der Schau erweist sich die verbleibende Zeit von einer Woche als absehbar knapp, so auch hier. Aber die Designerin hat optimistisch noch einen kleinen Auftrag für exklusive Ledermasken für einen Maskenball angenommen, der daneben auch noch pünktlich fertigzustellen ist. Wir kommen dazu, als sie die fast fertigen Masken einfärbt.

 

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Das Atelier versammelt alle Arbeitsschritte für die Stücke gleichzeitig und überall und macht damit schon den ganzheitlichen Ansatz der Gestaltung/Herstellung erkennbar: Unterschiedlichste Lederqualitäten auf großen Rollen im hohen Regal, massenhaft Entwürfe und Schnittbögen, Foto-Inspirationen und Dokumentationen an den Wänden, Teile mitten im Herstellungsprozess an Modellen überall, Schnittstücke, fertige Teile in Boxen und schon verpackte am Kleiderständer. Dazwischen die gut gelaunte Designerin mit ihren drei stillen Helferlein, mysteriöse Gerätschaften, Nieten, Schlaufen, Schnallen, Chemikalien und Farben – für den Besucher unverständlich, aber doch spürbar gut organisiert.

 

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Zuvorkommend zeigt uns die Künstlerin die Handhabung diverser geheimnisvoller Geräte und Werkzeuge, Herstellungsschritte und Materialunterschiede.

 

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Auch Teile der neuen Kollektion dürfen wir sehen und erfahren, dass die gestalterische Leitidee sich von den 50er Jahren hat inspirieren lassen: Wellen, Wasser, Unterwasser und besonnte Creme-Farben wie Rosa, Himmelblau, Gelb und leicht gebrochenes Weiß sowie interessante Faltungen und Schichtungen bestimmen einen Teil der leichter und launiger wirkenden Kollektion, ohne dass das Prinzip der Korsetts und Schnürungen verloren geht. Auch die Bewegungsfreiheit darin ist ein gedanklicher Schwerpunkt. Dieser konzeptuelle Spagat ist durchaus überzeugend gelungen. Sogar ein bezauberndes Lederoutfit im Badeanzugstyle ist dabei, das wir auch schon fotografieren durften. Rasant, exklusiv und durchaus tragbar.

 

Die zweite Linie ist eine ungewöhnliche Entdeckung: Ursprünglich für luxuriöse Badezimmerausstattung entwickelt, gibt es Stoffe aus Microfaser, die mit hauchdünn abgeschälten Gesteinsschichten beschichtet sind. Der visuelle Effekt ist frappierend und die durchaus nicht leicht zu verarbeitende Sperrigkeit des Materials hat eine ganz eigene, faszinierende Form und Oberflächenhaptik gefunden. Sieht fantastisch aus!

 

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Die Abendsonne taucht das große Ensemble der sichtbaren gestalterischen Momente in optimistisches Hell-Dunkel und die gut gelaunte Marina Hoermanseder beseelt das Ganze mit ihrer erfrischenden Art und österreichischem Sprachduktus, dass man sich schon richtig auf diese ungewöhnliche Schau mit diesen wunderbaren Teilen und Ideen freut, wenn man schließlich beeindruckt und guter Dinge das Atelier verlässt.